Endometriose des Ischiasnervs
Warum dies keine gynäkologische Erkrankung ist – und warum die Neuropelveologie der einzig korrekte diagnostische und chirurgische Ansatz ist
Endometriose wird traditionell als gynäkologische Erkrankung betrachtet.
Wenn Endometriose die Gebärmutter, die Eierstöcke oder das Beckenperitoneum betrifft, ist diese Einordnung korrekt.
Die Endometriose des Ischiasnervs jedoch ist keine gynäkologische Erkrankung.
Sie ist eine neurologische Erkrankung, die sich intrapelvin manifestiert.
Und genau diese Unterscheidung verändert alles.
Eine Erkrankung des Nervensystems – nicht der Gebärmutter
Der Ischiasnerv ist der größte Nerv des menschlichen Körpers.
Wenn endometriotisches Gewebe diesen Nerv infiltriert, betrifft die Erkrankung:
- die Nervenleitung
- sensible und motorische Bahnen
- die autonome Kontrolle der Beckenorgane
- Gangbild, Muskelkraft und Reflexe
Dies ist keine Erkrankung der Fortpflanzungsorgane, sondern eine primäre pelvine Neuropathie, verursacht durch endometriotische Nerveninfiltration.
Daher gehört die Diagnose zur Neurologie und die Operation zur Neurochirurgie – nicht zur klassischen Gynäkologie.
Warum die klassische Neurologie pelvine Nervenerkrankungen nicht diagnostizieren kann
Hier liegt das Paradoxon:
Die Beckennerven liegen tief intrapelvin und sind mit klassischen neurologischen Untersuchungsmethoden nicht zugänglich.
Die einzigen zuverlässigen klinischen Untersuchungen der pelvinen Nerven sind:
- die transvaginale Nervenpalpation
- die transrektale Nervenpalpation
Diese Untersuchungen sind vom Zugangsweg her gynäkologisch, aber vom Wesen her neurologisch.
Sie liegen vollständig außerhalb der Ausbildung, des rechtlichen Rahmens und der ethischen Möglichkeiten der klassischen Neurologie.
Ein Neurologe kann keine intravaginale Palpation pelviner Nerven durchführen – dies wäre undenkbar und inakzeptabel.
Infolgedessen waren pelvine Nervenerkrankungen für die Neurologie historisch „unsichtbar“.
Es gab schlicht keinen diagnostischen Zugang.
Warum die klassische Gynäkologie pelvine Nervenerkrankungen nicht behandeln kann
Gynäkolog:innen sind ausgebildet in:
- Chirurgie der Genitalorgane und des Retroperitoneums
- gynäkologischer Onkologie
- peritonealer Endometriose
- Fertilitätserhalt
Sie sind nicht ausgebildet in neurologischer Diagnostik und nicht in neurochirurgischen Nervenoperationen oder Rekonstruktionen.
Einen Nerv laparoskopisch freizulegen, macht niemanden zum Neurochirurgen.
Die Chirurgie pelviner Nerven erfordert:
- neuroanatomisches Mapping
- neurofunktionellen Erhalt
- mikrochirurgische Nervendekompression
- intraneurale Dissektionstechniken
- regenerationsorientierten Umgang mit Nerven
- Expertise in neurofunktioneller Chirurgie und Neuromodulation
Dies ist Neurochirurgie – keine gynäkologische Chirurgie.
Neuropelveologie: die fehlende Disziplin
Die Neuropelveologie wurde genau zur Lösung dieses Paradoxons geschaffen.
Sie ist die Disziplin, die:
- eine an die Beckennerven angepasste neurologische Diagnostik durchführt
- gynäkologische Zugangswege nutzt (vaginal, rektal, laparoskopisch)
- neurochirurgische Prinzipien auf pelvine Nerven anwendet
- pelvine Nervenbahnen rekonstruiert
- pelvine Neuropathien an ihrer tatsächlichen Ursache behandelt
Die Endometriose des Ischiasnervs ist eine neuropelveologische Erkrankung.
- Ihre Diagnose ist neurologisch.
- Ihre Operation ist neurochirurgisch.
- Ihr Zugang ist gynäkologisch.
- Ihre Disziplin ist die Neuropelveologie.
Ein gefährlicher Trend: „Social-Media-Neuropelveologie“
In den letzten Jahren präsentieren sich zunehmend Operateur:innen online als
„Spezialist:innen für Ischiasnerv-Endometriose“ – ohne:
- formale neuropelveologische Ausbildung
- neurologische Diagnostikkompetenz
- neurochirurgische Nervenausbildung
- wissenschaftlich publizierte Ergebnisse
- peer-reviewte Evidenz
- zertifizierte Expertise
Selbstdarstellung in sozialen Medien ist keine Qualifikation.
Pelvine Nervenchirurgie ohne neurologische Diagnostik ist blinde Chirurgie.
Blinde Nervenchirurgie verursacht irreversible neurologische Schäden.
Was Patient:innen einfordern müssen
Patient:innen mit Ischiasschmerzen, Fußheberschwäche, pelviner Neuralgie oder ungeklärten neurologischen Symptomen müssen einfordern:
- eine dokumentierte neuropelveologische Diagnose
- peer-reviewte wissenschaftliche Publikationen
- zertifizierte Ausbildung in pelviner Nervenchirurgie
- überprüfbare chirurgische Ergebnisdaten
Nicht Instagram-Expertise.
Nicht selbstverliehene Titel.
Sondern Wissenschaft, Zertifizierung und belegbare Erfahrung.
Schlussfolgerung
Die Endometriose des Ischiasnervs ist keine „tiefe Endometriose“.
Sie ist eine pelvine Nervenerkrankung, verursacht durch endometriotische Nerveninfiltration.
Sie gehört:
- zur Neurologie – ihrer Pathologie nach
- zur Neurochirurgie – ihrer Therapie nach
- zur Neuropelveologie – ihrer Realität nach
Und sie kann nur sicher behandelt werden, wenn alle drei Bereiche beherrscht werden.
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— Prof. Marc Possover
Begründer der Neuropelveologie