Pudendalschmerz ist häufig.
Eine echte Erkrankung des Nervus pudendus ist selten.
Nur eine präzise, schmerzbasierte Diagnose kann eine sichere und wirksame Behandlung leiten.
Was vielen Patientinnen und Patienten nicht gesagt wird
Wenn Sie Schmerzen im Pudendalbereich verspüren – etwa Schmerzen beim Sitzen, Brennen im Genitalbereich, perineale oder perianale Schmerzen – begegnen Sie schnell dem Begriff „Pudendusneuralgie“. Eine zunehmende Sensibilisierung für Beckennervenschmerzen ist wichtig. Gleichzeitig hat sie jedoch auch zu einem verbreiteten und gefährlichen Missverständnis geführt:
👉 Pudendalschmerz bedeutet nicht automatisch eine Erkrankung des Nervus pudendus selbst.
Mit anderen Worten: Schmerz ist ein Symptom – keine Diagnose.
Wie wurde „Pudendusneuralgie“ nahezu synonym mit dem Alcock-Kanal-Syndrom?
Historisch gelangte die Pudendusneuralgie vor allem durch die Arbeit von Neurochirurgen ins medizinische Bewusstsein, insbesondere in Frankreich. Pioniere wie Roger Robert in Nantes beschrieben eine Einklemmung des Nervus pudendus im sogenannten Alcock-Kanal – einem fibrösen Tunnel unterhalb des Beckenbodens, außerhalb der Beckenhöhle.
Da neurochirurgische Zugänge von außen erfolgen, konzentrierte sich der Fokus naturgemäß auf den extrapelvinen Abschnitt des Nervs. Mit der Zeit wurde die Pudendusneuralgie nahezu gleichgesetzt mit dem Alcock-Kanal-Syndrom.
Anatomisch jedoch entspringt der Nervus pudendus aus dem Sakralplexus oberhalb des Beckenbodens, innerhalb der Beckenhöhle. Der größte Teil seines Verlaufs ist intrapelvin, bevor er unterhalb des Beckenbodens austritt.
Aus neuropelveologischer Sicht ist eine Pathologie des Nervus pudendus innerhalb des Beckens – die sogenannte endopelvine Pudendusneuropathie – nicht nur möglich, sondern nach klinischer Erfahrung und publizierten Serien häufiger als das klassische Alcock-Kanal-Syndrom.
In unserer publizierten Serie von 128 konsekutiven Patientinnen war eine intrapelvine Nervenpathologie signifikant häufiger als eine isolierte extrapelvine Einklemmung.
Diese Unterscheidung ist entscheidend.
Für den Neuropelveologen bedeutet „Pudendusneuralgie“ nicht automatisch Alcock-Kanal-Syndrom. Der Begriff beschreibt Schmerzen im Versorgungsgebiet des Nervus pudendus, deren Ursprung liegen kann:
- intrapelvin
- an den Sakralwurzeln
- im Übergang zwischen anatomischen Kompartimenten
- oder sogar in anderen Beckennerven
Pudendalschmerz beschreibt die Verteilung eines Symptoms – nicht die anatomische Ebene der Pathologie.
Warum diese Unterscheidung so wichtig ist
Viele Patientinnen und Patienten hören früh, ihre Schmerzen müssten vom Nervus pudendus kommen – oft sogar ganz spezifisch aus dem Alcock-Kanal. Diese Annahme erfolgt häufig ohne eine detaillierte Analyse des Schmerzes selbst. Aus neuropelveologischer Sicht ist dieses Vorgehen falsch. Das Becken gehört zu den komplexesten Nervenregionen des menschlichen Körpers. Mehrere Nerven und Nervensysteme überlappen sich, interagieren und übertragen Schmerzsignale in ähnliche Regionen.
Daher kann Schmerz im Pudendalgebiet sehr unterschiedliche Ursachen haben.
Der neuropelveologische Ansatz
Ein fundamentales neurologisches Prinzip lautet: Wenn ein Nerv gereizt oder verletzt ist, wird der Schmerz häufig nicht exakt an der Läsionsstelle empfunden, sondern am Ende seines sensiblen Versorgungsgebiets – im sogenannten Dermatom.
Im genito-analen Bereich konvergieren mehrere Nerven mit überlappenden sensiblen Territorien. Ob diese Nerven auf Höhe der Vulva, im kleinen Becken, an den Sakralwurzeln, im Rückenmark oder sogar im zentralen Nervensystem gereizt sind – die Patientin oder der Patient kann den Schmerz dennoch in der Vulvaregion wahrnehmen.
Deshalb definiert die bloße Schmerzlokalisation nicht seinen Ursprung.
Entscheidend ist die Analyse der Symptomkombination:
- Schmerzqualität
- Ausstrahlung
- funktionelle Störungen von Blase, Darm und Sexualfunktion
- mögliche Symptome in den unteren Extremitäten
Diese Elemente helfen, die wahrscheinlichste anatomische Ebene der Nervenbeteiligung zu bestimmen.
Ein Neuropelveologe wird daher niemals schlussfolgern:
„Sie haben Vulvaschmerzen, also liegt das Problem in der Vulva oder im Nervus pudendus.“
Stattdessen wird viel Zeit in eine detaillierte Anamnese investiert – oft weit über die Grenzen von Gynäkologie, Urologie oder Gastroenterologie hinaus. Ziel ist es, genau zu bestimmen:
- welcher Nerv betroffen ist
- auf welcher Ebene (intrapelvin, radikulär oder zentral)
- und wo sich die Pathologie exakt befindet
Erst auf dieser Grundlage wird eine individuelle Therapie entwickelt.
Mögliche Ursachen von Schmerzen im Pudendalgebiet
Schmerzen im Pudendalversorgungsgebiet können ausgehen von:
- Sakralwurzeln nahe der Wirbelsäule
- autonomen Beckennerven (Blase, Darm, Sexualfunktion)
- vaskulärer Kompression von Nerven
- Endometriose benachbarter Nerven
- zentraler Sensibilisierung
In vielen Fällen ist der Nervus pudendus selbst vollständig gesund.
Wie häufig ist eine echte Pudendusneuropathie im Alcock-Kanal?
Trotz häufiger Diagnosestellung ist eine isolierte Pathologie des Nervus pudendus im Alcock-Kanal selten. Das bedeutet:
- Die meisten als „Pudendusneuralgie“ bezeichneten Patientinnen haben keine isolierte Pudenduserkrankung
- Operative Eingriffe am Nervus pudendus sind häufig nicht indiziert
- Die Behandlung des falschen Nervs kann Schmerzen verschlimmern
- Diagnostische Pudendusblockaden bleiben meist ohne Effekt


Das Risiko der Vereinfachung
Wenn ein Symptom zur Diagnose gemacht wird, können unnötige oder schädliche Therapien folgen – insbesondere Operationen. Jede Nervenoperation birgt Risiken:
- Verschlechterung neuropathischer Schmerzen
- neue Sensibilitätsstörungen
- funktionelle Beeinträchtigungen
- irreversible Nervenschädigung
Dass ein Nerv chirurgisch zugänglich ist, bedeutet nicht, dass er operiert werden sollte.
Was Neuropelveologie anders macht
Neuropelveologie beginnt nicht mit Bildgebung. Sie beginnt nicht mit Anatomie. Sie beginnt mit Zuhören. Eine detaillierte neuropelveologische Schmerzanalyse umfasst:
- exakte Schmerzlokalisation
- Ausstrahlungsmuster
- auslösende und lindernde Faktoren
- Haltungs- und Bewegungsabhängigkeit
- Zusammenhang mit Blasen-, Darm- oder Sexualfunktion
- zeitliche Entwicklung
Häufig zeigt sich dabei, dass der Nervus pudendus nicht das primäre Problem ist.
Wichtig ist auch der Unterschied zwischen der laparoskopischen Vorgehensweise in der Gynäkologie und in der Neuropelveologie.
In der Gynäkologie erfolgt eine Laparoskopie oft bei Verdacht auf Endometriose, Verwachsungen oder andere Organpathologien – diagnostisch und therapeutisch zugleich.
Dieses Konzept funktioniert bei Organerkrankungen.
Bei neurologischen Erkrankungen der Beckennerven funktioniert es nicht.
In der Neuropelveologie wird niemals explorativ operiert nach dem Prinzip „wir schauen einmal hinein“. Vor jeder Operation muss eine präzise neurologische Diagnose stehen:
- welcher Nerv
- auf welcher Ebene
- mit welcher klar definierten Operationsstrategie
Ohne klare neurologische Hypothese ist eine Beckennervenoperation nicht nur ineffektiv, sondern potenziell schädlich.
Neuropelveologische Chirurgie ist daher niemals explorativ im klassischen gynäkologischen Sinn – sie ist die Umsetzung einer zuvor gesicherten neurologischen Diagnose.
Das Ziel: richtige Diagnose, sichere Therapie
Nur eine gründliche neuropelveologische Evaluation ermöglicht:
- korrekte Identifikation der betroffenen Nervenstruktur
- Vermeidung unnötiger Eingriffe
- Auswahl der passenden Therapie
- Schutz vor Übertherapie
Bei Beckennervenerkrankungen muss die Diagnose immer vor der Intervention stehen.
Zentrale Botschaft für Patientinnen und Patienten
Wenn bei Ihnen eine Pudendusneuralgie diagnostiziert wurde – oder eine Operation vorgeschlagen wurde – fragen Sie unbedingt:
Wurde mein Schmerz aus neuropelveologischer Sicht detailliert analysiert?
Denn die korrekte Behandlung von Beckennervenschmerzen beginnt mit dem Verständnis ihres wahren Ursprungs – nicht nur des Ortes, an dem sie gespürt werden.



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